ChurchNight 2017 – Predigt

„Ich mache den Mund auf, weil es mir wichtig ist, dass es den Menschen um mich herum gut geht” – so haben wir gerade Max im Film gehört. Was ist dir denn ganz persönlich in den Sinn gekommen bei unseren Fragen? Hättest du bei einer Frage eine gleiche Antwort gegeben?

Auch wir haben uns Gedanken zum Thema gemacht – und haben es auf neun Thesen, auf neun Gedanken zu unserem Thema FREI SCHNAUZE gebracht, also nicht ganz so viel wie Martin Luther damals mit seinen 95 Thesen hatte.

[1] Martin Luther war Mönch, der zu seiner Zeit den Mund aufgemacht hatte – eigentlich wollte er keine neue Kirche erschaffen, aber ihm war wichtig zu sagen, dass ihm der Ablasshandel und die Art und Weise, wie damals in der Kirche mit dem Glauben der Menschen gespielt wurde, nicht passt. Ob das damals wirklich klug war, seine Schnauze aufzumachen, wir wissen es nicht. Aber er hat sich getraut, seine Meinung zu sagen und wie wir heute sehen, er hat viel bewegt! Durch seine Gedanken, durch sein Handeln, sind wir Menschen, sind du und ich, freier geworden.

[2] Was aber bedeutet es für dich frei zu sein? Wie frei bist du?
Es gibt immer wieder Situationen, in denen ich mich nicht so frei fühle – wenn ich zum Beispiel früher in der Schule oder heute im Studium Aufgaben erledigen muss, die mir einfach so überhaupt nicht liegen. Oder ich merke, dass mich andere Menschen einschränken, weil sie zum Beispiel in der Bahn laut Musik hören und die ganze Bahn beschallen, wenn ich eigentlich ein Buch lesen will. Aber es gibt auch Momente, in denen ich mich sehr frei fühle, zum Beispiel, wenn ich raus gehe in die Natur, einen Spaziergang mache, zeichne, ich einen ganzen Tag Netflix suchten oder FIFA 18 zocken kann. Hey, ich glaube, wir sind hier freier als wir oftmals denken und fühlen. Wir müssen es uns nur bewusstmachen, dass es so ist. Und wenn wir das Gefühl haben, wir werden in unserer Freiheit beschränkt, dann müssen wir eben unsere Schnauze aufmachen!

[3] Bist du eher der Typ, der die Schnauze hält, oder machst du den Mund auf? Was bringt es dir, den Mund aufzumachen? DU könntest dich doch auch einfach bequem daheim auf dein Sofa setzen und die Welt Welt sein lassen, solange du deine Ruhe hast… Ja das könntest du, ist aber reichlich uncool. Wir hier in Deutschland haben das Privileg, das Geschenk, in einem Land zu leben, in dem wir frei sagen, denken und relativ oft machen dürfen, was wir möchten. Es gibt Länder, da ist das nicht so. Da wird man verhaftet, wenn man zum Beispiel sagt, dass man die Regierung nicht gut findet. Um unseren Zustand hier in Deutschland beizubehalten, unsere Freiheit, ist es nötig, dass man seinen Mund dafür aufmacht. Dafür hin steht.

Und das fängt schon im Kleinen an. DU kannst im Kleinen für dich was ändern – wenn zum Beispiel in der Klasse oder in der Schule jemand ungerecht behandelt wird, dann schau das nächste Mal nicht einfach nur zu, sondern geh dazwischen und sag, dass das nicht fair ist. Denn darin besteht unsere Freiheit, uns auch für das Recht anderer einzusetzen.

[4] George Orwell, ein kluger Mann aus England. Er hat einmal gesagt: „Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie nicht hören wollen!” Und ich finde, das stimmt. Wir haben die Freiheit, zu sagen, was wir denken, auch wenn es andere nicht hören wollen. Wir haben die Freiheit die Schnauze aufzumachen. Ja wir sind frei, bis wir die Grenzen der Freiheit unseres Nächsten einschränken.

Und ja, das bedeutet, unsere Freiheit ist nicht grenzenlos. Wir können nicht tun und lassen, was wir wollen. Sondern durch das Geschenk, frei zu sein, müssen wir eben auch Rücksicht auf unsere Mitmenschen nehmen. Lasst uns damit doch gleich morgen mal anfangen – wenn ihr morgen zum Beispiel mit Bus und Bahn unterwegs seid, dann grüßt doch einfach mal die Menschen um euch rum und starrt nicht nur auf euer Handy. – Ihr werdet sehen, viele Menschen freuen sich über ein kleines „Hallo”, und vielleicht verändert genau euer Lächeln und euer „Hallo” den Tag einer Person, weil es ihr eigentlich gerade schlecht geht!
Oder wenn du gerade Stress mit jemandem hast, dann hey, spring über deinen Schatten, schreib die Person an und frag, ob ihr nicht einfach in Ruhe nochmal über die Sache reden wollt. Denn du hast jederzeit die Freiheit, zu vergeben!

[5] Zu vergeben, wie Gott uns vergeben hat. Denn Gott, unser Vater, liebt uns so sehr, dass er ein Riesenopfer gebracht hat – größer, als wenn du dein Smartphone hergeben müsstest, größer als wenn du einen Monat Hausarrest hättest, größer als aller Schmerz – er hat auf seinen Sohn verzichtet, für uns – für dich und mich. Jetzt denkst du vielleicht, „so ein Trottel, selber schuld. Wegen mir hätte er das nicht machen müssen…”

Ich sage, doch, hat er. Weil er daran glaubt, dass wir, jeder einzelne von uns, soviel mehr vermag, als wir gerade tun. Netter sein, hilfsbereiter sein, vertrauensvoller sein… Aber mach dir keinen Kopf. Ich schaffe das auch nicht immer. Weil wir nicht perfekt sind – keiner von uns kann das. Und trotzdem liebt Gott uns. Er verurteilt uns nicht, steckt uns nicht in irgendwelche Gefängnisse, sondern fordert von uns nur, dass wir uns darüber Gedanken machen, wie wir sind und es ab morgen besser machen. Das ist Vergebung, die er uns lehrt. Gott lehrt uns zu vergeben, wie er uns vergeben hat. Wir können Großes bewirken, wenn wir uns auf seinen Weg begeben und das Geschenk annehmen, dass er uns gemacht hat.

[6] „Wir sind ganz und gar Gottes Werk. Durch Jesus Christus hat er uns so geschaffen, dass wir nun Gutes tun können. Er hat sogar unsere guten Taten im Voraus geschaffen, damit sie nun in unserem Leben Wirklichkeit werden.“ So steht es in Epheser Kapitel 2, Vers 10.
Allein durch den Glauben empfangen wir Gottes Gnade. Wir haben nichts dafür getan und müssen auch nichts dafür tun. Unsere Rettung ist reine Gnade und sie ist Gottes Geschenk an uns.

Deshalb: lasst uns freundlicher sein und lasst uns hilfsbereiter sein. Ich möchte verzeihen, weil Jesus das so vorgelebt hat. Jetzt denkst du bestimmt wieder, schön für sie, aber lebst du das nur, weil Jesus das so gemacht hat? Dann könnte ich ja auch sagen, ich werfe jeden Tag 100 Euro aus dem Fenster, nur, weil irgendein Star das genauso macht. Aber es gibt einen Unterschied zwischen einem weltlichen Star und Gott. Denn ich glaube, dass wir durch das Vorbild Jesu ein besseres gemeinsames Leben im Hier und Jetzt und in Ewigkeit haben. Er kann und soll Vorbild für uns sein. Wie kann das konkret aussehen? Du kannst zum Beispiel Menschen auf der Straße helfen: sehen wir nur den stinkenden Penner oder sollten wir nicht vielmehr den Menschen sehen, der da hilflos sitzt und vielleicht seine Straßenzeitung verkauft? Grüß die Person doch einfach mal nett, oftmals freuen sich die Menschen über dein „Hallo”. Wenn du einen alten Menschen am VVS-Automat siehst, der es überhaupt nicht blickt. Finden wir es einfach nur lustig, weil es die Person nicht checkt oder sollten wir nicht hingehen und helfen, das Ticket zu lösen?

Und warum sollte ich das tun? Weil du frei bist, weil du die Möglichkeit dazu hast. Und wenn es dir mal schlecht geht, hey… wenn deine Mitmenschen auch so denken, dann wird jemand für dich da sein. Die Folge ist: keiner ist mehr einsam und allein. WIR SIND VIELE! Und du musst gar nicht soviel dazu tun…

[7] Denn es geschieht soviel durch die Gnade Gottes! Für die Liebe Gottes, für ein besseres Miteinander. Hier und jetzt ist es scheiß egal, ob deine Eltern viel oder wenig Geld haben, es ist scheiß egal, ob du gut in der Schule bist oder ¢ne 6 in Mathe hast, ob du sportlich oder unsportlich bist. Für ein gutes Miteinander zählst DU als Mensch! Mit offenen Ohren, offenen Augen und einem großen Herzen für dich selbst und für deine Mitmenschen.

Gott hat auch nicht überlegt, dass ihm der eine Mensch besser gefällt als der andere, sondern er hat jeden Menschen einzigartig erschaffen. Nicht wie Zahnräder beim Daimler am Band, wo alle gleich sind, nein! Sondern jeder Mensch ist so wie er, wie sie ist, einzigartig.
Gott neigt sich aus seiner Freiheit und Liebe den Menschen zu. Dabei ist seine Liebe allein in ihm selbst begründet, beruht also nicht darauf, dass wir ihn lieben. Luther schreibt dazu: „Die Liebe Gottes findet das für sie Liebenswerte nicht vor, sondern erschafft es. Die Liebe des Menschen entsteht aus dem für sie Liebenswerten.” Ist das nicht geil?

[8] Gott ist geil, weil er uns frei geschaffen hat. Wir sind nicht wie ein Anhänger am Auto hintendran, der einfach nur mit rollt. Sondern Gott hat uns einen eigenen Kopf geschenkt, sogar mit richtigen Gedanken, und wir dürfen ihn sogar verwenden. Und das sollen wir auch!

Und ja, auch ich hab’ Momente im Leben, in denen ich an Gott zweifle und ihm meine Wut an den Kopf werfe – ja, das ist in Ordnung! Gott ist wie ein Vater für mich, nein, ich glaube daran, Gott ist mein Vater. Er hat mich geschaffen. Und darum darf ich auch mit ihm streiten, ihm sagen, wenn ich unglücklich bin. Aber nach dem Streit kommt das Verzeihen. Und das tut er. Er ist immer für dich da. Gott sagt: ich lasse dich nicht fallen. Und so wie Gott uns nicht fallen lässt, so sollten wir auch unsere Freunde und unsere Familie nicht fallen lassen, wenn wir enttäuscht sind, oder gestritten haben. Ja, du darfst deine Meinung sagen, du darfst deine Schnauze aufmachen, aber danach sollten wir wieder aufeinander zugehen. Das ist meine Motivation für ein freies Leben.

[9] Wir glauben, jeder von uns hat dieses große liebende Herz. Das Bedürfnis, anderen zu helfen. Oft ist einfach unsere Coolness zu groß oder unsere Unsicherheit zu stark. Und dann machen wir lieber, was alle machen, um ja nicht aufzufallen, um nicht uncool oder schwach zu sein. Dabei ist zu helfen, anders zu sein, so viel Größer, so viel mehr!

„Wozu, Mensch, bist du am Leben, wenn nicht, um alles zu wollen und alles zu geben?!” (Veit Lindau)

Amen.

 

Robina Resch & René Böckle

Eine Vervielfältigung oder Verwendung  des oben stehenden Textes (oder Teile daraus) in anderen elektronischen oder gedruckten Publikationen und deren Veröffentlichung (auch im Internet) ist nur nach vorheriger Genehmigung durch die Autoren gestattet.

Advertisements